Buchcover: Die Rückkehr von Alex N Stel. Sonnenuntergang über einem stillen See, Geheimnisse Folge 1.

Geheimnisse · Folge 1

Die Rückkehr

erhältlich

Kein Einbruch.Kein Zufall.Nur eine Stadt,die weiß, warum sie schweigt.

Die Girlanden hängen über der Brückenstraße, die Bühne steht am Marktplatz, seit Wochen ist alles besprochen, die Häuser werden dekoriert und die Stadt Vielnfluss freut sich auf ihr Fest. Alle Menschen sind auf den Beinen, nur in einem Haus ist schon lange niemand mehr gewesen, und in der Nacht vor dem Fest brennt es dort.

Am Morgen liegt ein Toter auf der Tenne, und unter den durchgebrannten Bodenbrettern kommt etwas zum Vorschein, das die Stadt vor dreißig Jahren als gestohlen abgeschrieben hat. Nichts ist aufgebrochen. Der Schlüssel hängt am Nagel. Wer hier hereinkam, wusste, wo er hängt.

Die Rückkehr erzählt von einer Stadt, die ihr Fest nicht verschiebt. Mittags steht sie an der Absperrung, abends tanzt sie unter den Lampions. Und von Heinz, der die Fragen stellt, die dabei keiner hören will.

Zweiunddreißig Kapitel aus einer Stadt, in der jeder jeden kennt und keiner alles sagt.

Rätselkrimi32 Kapitel4 AkteProlog und Epilog~46.600 Wörter252 Seiten
Leseprobe · Prolog und erstes Kapitel

Prolog


Hier kommen die Flüsse zusammen, und einer nimmt am Ende alle anderen auf. Davon hat Vielnfluss seinen Namen.

Heinz Gruber war bei der Kriminalpolizei. Seit elf Jahren ist er es nicht mehr und wohnt über dem Café in der Alten Mühle, im Zimmer daneben die Detektei. Zu tun gibt es für einen wie ihn nicht viel.

Er repariert viel. Das ist die zweite Hälfte seines Berufs, und keiner hier findet daran etwas.

Unten steht die Wirtin, die alles hört und wenig weitersagt. Im Rathaus sitzt seine Tochter, die Bürgermeisterin ist und im Amt kein Wort über die Fälle ihres Vaters verliert. Auf dem Posten sitzt ein Polizist, der zu wenig Leute hat und deshalb Mappen über die Gasse trägt, die er nicht über die Gasse tragen darf. Und eine Vierte arbeitet in der Kreisstadt und nimmt sich frei, sobald er sie braucht. Am Samstagabend kocht Heinz für sie alle, und an diesem Tisch ist mehr geredet worden als in jedem Amtszimmer.

So ist es all die Jahre gegangen.

In diesem Sommer ist die Stadt fünfhundert Jahre alt geworden, und sie hat sich etwas geleistet, das sonst nicht hierherkommt. Einen Sänger, den man aus dem Fernsehen kennt und den hier noch keiner gesehen hat.

Er ist am Abend vor dem Fest angereist. Er ist zu Fuß durch die Gassen gegangen, an Häusern vorbei, von denen niemand dachte, dass sie ihn etwas angehen.

Am nächsten Morgen hatte die Stadt einen Toten. Und zum ersten Mal seit dreißig Jahren einen, der fragte.

Akt I

Kapitel 1 – Der Vormittagsplausch

Das große Rad an der Außenwand drehte sich nicht mehr. Das Wasser darunter schon. Es lief durch den Kanal unter dem Haus, Tag und Nacht, mit einem tiefen, gleichmäßigen Ton. Wer an der Fensterseite saß, hörte es durch die Dielen. Neue Gäste fragten, ob da unten etwas kaputt sei. Claudia sagte dann, das sei der Fluss. Der zahle keine Miete.

Um halb zehn kam Heinz die Treppe herunter, in der einen Hand einen Schraubenzieher, in der anderen ein Marmeladenglas voll Schrauben. Die vierte Stufe knarrte. Sie knarrte, seit er oben eingezogen war. Gerichtet hatte er sie nie, weil Claudia sagte, so wisse sie, wann er komme. Auf der vorletzten Stufe zog er den Kopf ein, wie er ihn seit elf Jahren einzog, obwohl der Balken zwei Finger höher hing als sein Scheitel.

„Sie mahlt nicht“, sagte Claudia.

„Ich weiß.“

„Seit gestern.“

„Seit vorgestern.“ Heinz stellte das Glas auf die Theke. „Gestern hat sie noch gemahlen. Sie hat nur geklungen wie mein Knie.“

Claudia stand hinter der Theke, die Ärmel über den Ellenbogen geschoben. Sie hatte die Unterarme einer Frau, die seit dreißig Jahren Tabletts trägt. Die Kaffeemühle stand am Ende der Theke, rot lackiert, mit einem Messingtrichter, den zwei Generationen blank gegriffen hatten. Claudia hatte sie von ihrem Vater, der sie schon gebraucht gekauft hatte. Heinz hatte das Ding in elf Jahren siebenmal aufgeschraubt, siebenmal zum Laufen gebracht. Jedes Mal sagte einer der Gäste, man solle es wegwerfen. Einer sagte es auch heute.

„Wegwerfen“, sagte Heinz, „kann man immer noch.“

Am Fenstertisch saßen drei Frauen vom Blumenkomitee über einem Plan des Marktplatzes. Am Tisch daneben las der pensionierte Lehrer die Zeitung von hinten nach vorn, wie seit Jahren. An der Theke stand ein kleines Bier, halb leer, daneben der alte Stocker, der um diese Zeit noch nichts sagte.

„In drei Tagen“, sagte eine der Frauen. „Und über der Brückenstraße hängt nichts.“

„Die Girlanden kommen“, sagte Claudia.

„Die Girlanden kommen seit Montag.“

Heinz drehte die Mühle auf die Seite und löste die erste Schraube. Sie kam heraus, als hätte sie darauf gewartet. Die zweite saß fest. Er ließ sie fest sein und nahm sich die dritte vor.

„Deine Tochter macht das schon“, sagte der Lehrer, ohne von der Zeitung aufzusehen.

„Meine Tochter macht das seit sechs Wochen.“

„Und?“

„Und sie schläft seit sechs Wochen nicht.“

Claudia stellte einen Teller vor den Lehrer, Zwetschgendatschi, das Stück mit der breiten Streuselkante, das sie ihm aufhob. Der Lehrer sagte nichts dazu. Er aß von der Spitze her, wie immer.

Die Tür ging. Die vierte Frau vom Blumenkomitee kam herein, eine Rolle unter dem Arm. Sie legte die Rolle auf den Fenstertisch, die noch nach Druckerei roch, und breitete das oberste Blatt aus.

„Die sind gerade fertig geworden. Zwei Kisten stehen noch im Rathaus.“

Das Plakat war grell. Eine Bühne im Gegenlicht, Scheinwerfer in Rot und Blau, hinten die Umrisse einer Band, ein Schlagzeug, zwei Bläser mit erhobenen Instrumenten. Vorne stand ein Mann im weißen Anzug, das Sakko offen, einen Arm weit ausgestreckt, das Mikrofon dicht am Mund. Der Kopf lag zurück, wie er zurückliegt, wenn der Ton ganz oben ist. Was man sah, war ein Mann, der singt. Über dem Kopf stand in weißen Buchstaben ein Name, darunter das Datum, darunter der Marktplatz von Vielnfluss. Ganz unten stand, kleiner als alles andere, der Anlass: fünfhundert Jahre Vielnfluss.

„Wer ist das?“, fragte eine der Frauen.

„Ein Sänger.“

„Das sehe ich.“

Die vierte Frau drehte das Blatt zum Fenster, damit die Farben kamen.

„Gio Fontana. Ein Italiener.“

„Fontana“, sagte der Lehrer in seine Zeitung. „Das heißt Brunnen.“

Am Fenstertisch beugten sich zwei Köpfe wieder über den Plan, weil das Zelt entweder vor den Brunnen kam oder vor die Sparkasse und beides zweimal entschieden war.

„Dann singt er italienisch. Da versteht kein Mensch was.“

„Er singt, was die Leute mitsingen können“, sagte Claudia. „Das steht im Programm.“

„Im Programm steht auch, dass um zehn das Feuerwerk kommt“, sagte die vierte Frau. „Und das Feuerwerk ist nicht bezahlt.“

An der Theke drehte sich der alte Stocker zum Fenster hin. Er sah das Plakat an. Dann sah er es noch einmal an.

„Was kostet so einer?“

„Frag die Bürgermeisterin“, sagte Claudia.

„Frag sie selber“, sagte Heinz. „Sie sitzt jeden Samstag da hinten und isst mein Essen.“

Am Fenstertisch lachte eine der Frauen zu laut. Stocker trank sein Bier aus, das er sonst eine Stunde stehen ließ, und schob das Glas über die Theke. Claudia zapfte nach, ohne zu fragen.

„Herr Gruber“, sagte die vierte Frau. Claudia sah von der Theke auf, weil ihn hier sonst keiner so nannte. „Sie machen doch das mit dem Herausfinden.“

„Manchmal.“

„Am Brückengeländer standen elf Kästen. Jetzt stehen neun.“

„Umgefallen?“

„Herausgehoben. Die Halterungen sind heil.“

Heinz legte den Schraubenzieher hin. Zwei Kästen, sagte er, seien in einer Nacht viel Arbeit für jemanden, der bloß Blumen wolle. Ob schon einer nachgesehen habe, wo die Erde geblieben sei.

Die Frau sah ihn an, als hätte er ihr etwas weggenommen.

„Erde“, sagte sie.

„Wenn die Kästen leer weggetragen wurden, liegt die Erde noch am Geländer.“

Am Fenstertisch wurde es kurz still. Dann redeten die drei anderen weiter über die Girlanden, weil das Fest in drei Tagen war und die Erde am Brückengeländer nicht.

In der Mühle löste sich die zweite Schraube endlich, die er zwanzig Minuten hatte fest sein lassen. Heinz hob den Deckel ab. Innen saß der Kaffee als brauner Firnis auf dem Mahlwerk, hart, glänzend, alt. Er roch nicht nach Kaffee, sondern nach dem Fett, das der Kaffee in fünfzig Jahren dagelassen hatte. Heinz kratzte mit dem Daumennagel an einer Kante, bis sie freilag. Darunter kam blankes Eisen.

„Sie ist nicht kaputt“, sagte er. „Sie ist satt.“

Die Tür ging wieder. Franz kam herein, der Polizist vom Posten, im Sakko, mit dem Gesicht eines Mannes, der schon zweimal telefoniert hat, bevor er einen Kaffee bekommt.

„Einen zum Mitnehmen.“

„Sie mahlt nicht“, sagte Claudia.

„Dann eben ohne.“

„Ohne was?“

„Ohne alles“, sagte Franz und setzte sich doch auf den Hocker.

Er hatte zwei Anzeigen wegen eines Gartenzauns, einen Stapel Amtshilfe aus drei Bundesländern, dazu einen Kollegen, der bis Oktober krankgeschrieben war. Sie seien zu viert für einen halben Landkreis, sagte er. Zwei davon säßen auf einer Fortbildung, bei der man lerne, wie man Formulare online ausfüllt.

„Bring den Stapel rüber“, sagte Heinz, ohne aufzusehen.

„Das darf ich nicht.“

„Das hast du letzten Winter auch nicht gedurft.“

Franz sah auf das Plakat, das jetzt am Fenster lehnte und von hinten im Licht stand, die Farben blass geworden, der Name spiegelverkehrt zu lesen.

„Der tritt bei uns auf?“

„In drei Tagen.“

„Da habe ich Dienst.“ Es klang, als hätte er den Dienst selbst eingeteilt.

Heinz wischte das Mahlwerk mit dem guten Lappen aus, den Claudia sonst keinem gab, setzte die Feder ein, zog die Schrauben an und drehte den Trichter zurück. Dann schüttete er eine Handvoll Bohnen nach und kurbelte.

Das Mahlwerk lief kurz trocken durch, fasste, dann kam das Geräusch, das alle in diesem Raum kannten, ohne je darüber gesprochen zu haben. Aus dem Schubfach zog Claudia das Pulver und hielt es sich unter die Nase.

„Sieben“, sagte sie.

„Acht“, sagte Heinz. „Den Winter mit dem Bolzen zählst du nicht mit.“

Der Lehrer klopfte zweimal mit den Knöcheln auf den Tisch. Die Frauen am Fenstertisch klatschten, viel zu lange für eine Kaffeemühle. Franz bekam seinen Kaffee, trank ihn im Stehen und war weg. Stocker blieb sitzen, das Gesicht zum Fenster.

Draußen hoben zwei Männer eine Girlande über die Brückenstraße, und unter den Dielen lief das Wasser.

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