Buchcover: Das ICH von Alex N Stel. Mondlicht auf offenem, dunklem Wasser.

Seelen · Band 2

Das ICH

erhältlich

Kein Geheimnis.Keine Abrechnung.Nur ein Schritt,den keiner verlangt hat.

Eine Beerdigung, bei der alles stimmt. Die Reihenfolge, die Kränze, wer wem die Hand gibt. Niemand weint.

Drei Tage später klingelt das Telefon. Ein Mann sagt, er sei der Bruder ihres Vaters. Mein Vater hat keinen Bruder, sagt sie. Doch, sagt er.

Das ICH erzählt von einer jungen Frau, die in einer Familie groß geworden ist, in der man zusammenhält, indem man schweigt. Sie deckt nichts auf. Sie tut zum ersten Mal etwas, das keiner von ihr verlangt hat.

32 kurze Kapitel über die Frage, wie lange man das eigene Leben verschieben kann, bevor es jemand anderer entscheidet.

Memoir32 Kapitel4 AkteProlog und Epilog~25.400 Wörter164 Seiten
Leseprobe · Prolog und erstes Kapitel

Prolog


Wann und wie hat sie gelernt, dass man alles zurechtrückt, was ohnehin schon gerade liegt, dass man mittut und nicht widerspricht und nichts zulässt, was den Ablauf stört. Wie viele Jahre sind so vergangen, und wohin ist alles gegangen, was sie in dieser Zeit nicht aus sich herausgebrochen hat.

Es geht auch nicht mehr von alleine weg!

Es sammelt sich. Jeder Handgriff, den man tut, ohne ihn zu wollen. Jeder Satz, den man sagt, weil er passt. Jedes Nicken, bei dem man die Zähne zusammenbeißt. Alles legt sich auf das davor. Und irgendwann ist der Körper voll davon. Das ist keine Traurigkeit. Das ist eine Spannung, die nirgends hinkann, und aus einer Spannung, die nirgends hinkann, wird Wut.

Die einen nehmen etwas, damit es aufhört. Die anderen arbeiten, bis nichts mehr übrig ist von ihnen. Sie ist hinter ihr Glas gegangen.

Da war es ruhig. Da ist alles ein Stück weiter weg gewesen, die Gesichter, die Stimmen, die Hände, die einander etwas weiterreichen. Man sieht alles und es kommt nichts an. Man ist dabei und man ist nicht da.

Und wenn keiner mehr zugesehen hat, ist es aus ihr herausgebrochen, gegen eine Tür, gegen ein Kissen, gegen niemanden, und danach war es eine Weile still in ihr, und dann hat es wieder angefangen.

Bin ich noch ich, wenn ich mir selbst nicht mehr zuhöre…

Akt I

Kapitel 1 – Die Ankunft

Der Zug kam pünktlich, wie er immer pünktlich kam. Auf dem Bahnsteig standen dieselben zwei Bänke, dieselbe Tafel, an der seit Jahren eine Leuchte fehlte. Niemand holte sie ab. Das hatte sie auch nicht erwartet.

Sie ging zu Fuß, den Weg, den sie im Schlaf gekonnt hätte. Die Häuser standen, wo sie standen. In einem Garten bellte ein Hund, kurz, dann nicht mehr. Je näher sie dem Elternhaus kam, desto enger wurde die Straße, und die letzten Meter legten sich um ihre Brust. Jedes Mal.

Die Mutter öffnete, bevor sie geklingelt hatte, als hätte sie hinter der Tür gewartet. Eine Umarmung, eine Hand kurz am Rücken, schon wieder gelöst. Kein Blick, der bei ihr blieb.

„Hast du schwarze Schuhe dabei?“

„Ja.“

Das Wort kam von selbst. Wie alle davor.

Es war nicht die Fahrt. Es war nicht, wie es ihr ging. Es waren die Schuhe.

Im Flur roch es nach Bohnerwachs und nach Essen, das für andere vorbereitet wurde. Auf der Kommode lag ein Stapel Trauerkarten, schon adressiert. Aus der Küche kam das Klappern von Geschirr, das umgeräumt wurde, ohne dass es nötig war.

„Dein Vater musste noch weg“, sagte die Mutter, schon auf dem Weg dorthin. „Stell deine Sachen hin, wo sie nicht stören.“

Sie stellte die Tasche in die Ecke, in der als Kind ihre Schultasche gestanden hatte. Dann ging sie in die Küche, weil man dorthin ging, wenn man zu Hause ankam.

Auf dem Tisch lag ein Zettel, eng beschrieben, Punkt für Punkt. Der Kühlschrank war so voll, dass etwas herausrutschte, als die Mutter ihn öffnete. Die Mutter fing es auf, ohne hinzusehen, und stellte es zurück. Auf der Anrichte warteten Tassen in zwei Reihen, mehr, als ein Mensch besaß. Geliehene, für die Gäste.

Das Telefon klingelte. Die Mutter nahm ab, den Kochlöffel noch in der Hand.

„Nein. Die weißen. Ich hab gesagt, die weißen.“ Eine Pause, in der die andere Seite redete. „Dann eben nicht.“ Sie legte auf und strich auf dem Zettel etwas durch, fester als nötig.

Niemand sagte ihr, was zu tun sei. Sie las den Zettel und begann oben. Gläser auf ein Tablett. Die geliehenen Stühle aus dem Nebenzimmer. Servietten falten, die man auch ungefaltet hätte hinlegen können. Sagte die Mutter, es solle anders stehen, stellte sie es um.

Es fiel ihr schwer. Es war ihr immer schwergefallen.

Nicht die Handgriffe. Die gingen von allein.

Schwer war das andere. Zu tun, was man von ihr erwartete, während etwas in ihr es anders wollte und nicht durfte. Sie hatte es nie gedurft. Also tat sie die Handgriffe und schluckte das andere hinunter, und niemand sah, dass es etwas zu schlucken gab.

Irgendwo zwischen den Gläsern und den Stühlen merkte sie, dass sie flacher atmete, dass die Räume kleiner geworden waren, obwohl sich nichts bewegt hatte. Sie arbeitete weiter. Hier arbeitete man, ohne nachzufragen.

Einmal, im Flur, blieb sie stehen und sah auf ihr Handy. Oben im Verlauf der letzte Chat, ungeöffnet seit Wochen. Der Name stand da, als wäre nichts. Drei Wochen war es her. Hier wusste es niemand, und niemand würde fragen, und Platz dafür gäbe es auch keinen, zwischen den Tassen und den Trauerkarten. In diesem Haus fragte man nicht. Sie sperrte das Display und steckte das Telefon weg.

In der Küche wurde geredet, ohne dass etwas gesagt wurde. Wer kam, wer absagte, wer sich nicht gemeldet hatte, wer früher gehen würde. Nicht laut. Nicht an sie gerichtet. Eher, damit es einmal ausgesprochen war.

Und während sie zuhörte, hörte sie es zum ersten Mal richtig. Den Ton. Wie hier miteinander geredet wurde, in Sätzen, die nichts wollten, als erledigt zu sein. So war hier immer geredet worden. Sie hatte es nur nie an sich herangelassen. In sich selbst hineinzuhören hätte geheißen, zu spüren, dass es in diesem Haus nie um sie gegangen war, nicht heute und nicht früher. Das ließ sich nicht spüren und zugleich hierbleiben. Also hatte sie es immer nur gehört.

„Die kommen auf den Tisch.“ Die Mutter drückte ihr einen Stapel Servietten in die Hand.

Sie trug sie ins Nebenzimmer und legte sie hin. Sie rückte den Stapel gerade. Dann strich sie ihn glatt, obwohl er schon glatt lag. Die Bewegung, die sie tausendmal an ihrer Mutter gesehen hatte und nie an sich.

Draußen wurde es früh dunkel, und das Haus rückte an sie heran. Sie blieb darin und tat, was zu tun war.

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